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Kuriositätenkabinett Bahn: Görlitz-Zgorzelec mit dem Sachsenticket

Tarife im ÖPNV sind bekanntermaßen verwirrend. Man kann aber mit nur wenig Aufwand die Verwirrung so weit steigern, dass es an eine Beleidigung des Kunden grenzt.

Das Sachsen-Ticket gilt für eine grenzüberschreitende Nahverkehrsfahrt nach Polen, von Görlitz nach Zgorzelec, nicht jedoch in die andere Richtung.

Es ist eigentlich eine Zumutung für den Kunden, erst mal solche Details zu studieren, bevor er sich in den Zug setzt und aus Nachlässigkeit zum Schwarzfahrer wird. So wird das nichts mit der Weg-vom-Auto-Politik.

Sind die Beförderungsbedingungen des VBB (Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg) rechtswidrig?

In § 6 Abs. 2 UAbs. 2 des VBB-Tarifs findet sich folgender Passus: “Sofern bei Fahrtantritt kein Fahrausweis bis zum Ziel gelöst werden kann, ist beim Übergang auf das nächste Verkehrsmittel ein Fahrausweis für die Anschlussstrecke – gegebenenfalls auch an Automaten – zu lösen. Ein Anspruch auf Anrechnung des erstgelösten Fahrausweises auf den tarifmäßigen Preis zwischen Ausgangs- und Zielpunkt besteht nicht.

Dies könnte ein Verstoß gegen den § 307 BGB sein.

Ich bin der Meinung, dass es ein klarer Verstoß gegen den § 307 BGB ist, weil unangemessene Benachteiligung des Kunden durch Abweichung von einer gesetzlichen Bestimmung. Ich weiß nur nicht, von welcher gesetzlichen Bestimmung abgewichen wird.

Wenn mein Automat nur Stadttarif Berlin verkauft, nicht aber z.B. Berlin-Frankfurt(Oder), warum soll ich für die Anfangsstrecke doppelt zahlen, weil der Anbieter das verpennt…

Irgendein AGB-Rechtsexperte, der einen spontanen Einfall hat?

Shitstorm bei der Bahn – Willkommen im Kalten Krieg?

Es ist mal wieder soweit. Seit einigen Tagen belagern Massen digitaler Wutbürger die Facebook-Seite der Deutschen Bahn und stellen sie als rassistisches Unternehmen dar, fordern gar die Entlassung einer bestimmten Zugbegleiterin.

Was ist passiert?

Der SPIEGEL berichtete in seiner aktuellen Ausgabe unter dem reißerischen Titel “Bahnkundin ohne deutschen Pass abgeführt” über eine Studentin namens Asya, die im Januar dieses Jahres mit dem ICE von München nach Berlin wollte. Sie ist russische Staatsbürgerin. Über ein drittes Unternehmen hat sie ein Online-Ticket zum Selbstausdruck gebucht. Um Missbrauch zu verhindern, sind diese Online-Tickets der Bahn nur mit Identifikationskarte gültig. Der Kunde kann hierbei zwischen BahnCard/bahn.bonus Card, Kreditkarte, girocard und Personalausweis einiger “befreundeter” Staaten wählen.
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So empörend es ist, dass sie als zahlende Kundin wegen der mangelhaften Identifikation in Halle mithilfe der Bundespolizei aus dem Zug verwiesen wurde, so fehl am Platz ist auch die Empörung derer, die nun wegen der vermeintlich rassistischen Bahn schäumen. Das Zugpersonal hat die Aufgabe, die Regeln durchzusetzen, die es selbst nicht entwickelt hat. Der Protest sollte eher an die Führungsebene gehen.

Nichtsdestotrotz sollte die Bahn aus diesem Vorfall Konsequenzen ziehen. Dass es nicht möglich ist, einen Ausweis aus Polen oder Tschechien – immerhin sind das unsere unmittelbaren Nachbarländer – als Identifikation anzugeben, ist unzeitgemäß. Wir leben nun mal nicht mehr im Kalten Krieg. Andere Eisenbahnverkehrsunternehmen wie etwa die SBB (wo nur Name und Geburtsdatum auf dem Online-Ticket verzeichnet sind und irgendein amtlicher Ausweis oder Halbtax/GA genügt) oder Virgin Trains (wo Reisepass, Führerschein oder Kreditkarte akzeptiert werden) akzeptieren nach eigener Auskunft Reisedokumente aller Länder.
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Und natürlich wäre auch die Abholung online gebuchter Fahrkarten am Automaten eine sinnvolle Innovation – wie sie in Ungarn, Schweden oder Großbritannien schon lange praktiziert wird. Damit sind auch online gebuchte Sparpreise übertragbar und “ich kann nicht fahren, kann meine Schwester das Ticket nutzen” wäre kein Problem mehr.
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Abholung vorbestellter Fahrkarten an einem Automaten des Typs Shere FASTticket

Übrigens ist die Technik schon (als “Bahn-Tix”) vorhanden, sollte in Deutschland ursprünglich schon 2003 umgesetzt werden, wurde aber irgendwann von der Agenda gestrichen. Aber ob die paar Euro Umbuchungsgebühren, die man mit dem unflexiblen Online-Ticket einnimmt, die Frustration der Kunden aufwiegen?

Ein öffentliches Verkehrsmittel sollte vor allem einfach zu verwenden sein. So sehr ich die Aufregung nicht nachvollziehen kann, hoffe ich, dass die Bahn daraus Konsequenzen zieht, und zwar die kundenfreundlichen und richtigen.

Der Bahnhof Berlin Zoo…

…der ach so geschundene und vom Fernverkehr abgehängte, hat einen britischen Bahnhofscode (Station code), nämlich BSA.

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Berlin Ostbahnhof ist BEI, Berlin-Lichtenberg BLI, Berlin Friedrichstraße BLF, und Berlin-Charlottenburg BCR. Auch Nauen (NAU), Frankfurt(Oder) (FRK), Hannover Hbf (HAJ), Bielefeld Hbf (BIE) oder Stralsund (SSU) sind dem Auskunftssystem unter Kürzeln bekannt, die nicht denen im deutschen DB-Netze-Betriebsstellenverzeichnis entsprechen (welches wiederum andere Kürzel, mit X beginnend, ausländischen Zielen zuweist).

Nur warum kommt der Bahnhof Berlin Zoologischer Garten zu solchen Ehren, woher kommt dieser seltsame Screenshot, und was hat Avantix Traveller damit zu tun, ein Tool, das jeder insulare Gelegenheitsreisende benutzen sollte?

Mehr dazu die nächsten Tage – ich erkläre euch, wie man mit einigen Computerprogrammen eine Zugreise (in England wie auch in Deutschland) schlau und günstig planen kann!

Das britische Kassensystem

Der britische Einzelhandel ist im europäischen Vergleich einer der innovativsten. Was Kundenbindungsprogramme, Rabattaktionen, Kassensysteme, usw., aber auch Ladenkonzepte angeht, können Kontinentaleuropäer mit den Trends aus dem anglo-amerikanischen Raum nur schwerlich mithalten. Für die gestressten Stadtmenschen, die sich hauptsächlich von industriellen Convenienceprodukten ernähren, hat neulich REWE ein Marktkonzept “REWE To Go” in Köln entwickelt – während ähnliche Modelle in Großbritannien (etwa M&S Simply Food an Bahnhöfen) bereits seit längerem etabliert sind.

So war ich mehr als nur erstaunt, heute im TK Maxx Hannover ein Kassensystem mit Aufrufanlage zu entdecken, wie es im UK-Einzelhandel schon mehr als üblich ist!

Man stellt sich da in einer großen Schlange an und nacheinander werden die Wartenden aufgerufen. Kein Ärgern, wenn es in allen anderen Schlangen schneller geht, weil ein schusseliger Kunde vor einem die PIN vergessen hat oder ähnliches.

Anstatt des britisch-englisch-gesungenen “Cashier number four please” ertönte dort ein deutsches “Kasse Nummer 4 bitte”, gesprochen von einer seriös-tiefen Frauenstimme.

Vor rund einem Jahr fragte ich mal den Geschäftsführer einer Berliner Supermarktkette, ob sie die Einheitswarteschlange im Supermarkt auch einmal probieren würden. Sinngemäß bekam ich zur Antwort, dass es zwar schon getestet wurde, die Kunden das aber nicht verstehen würden. Zu Stoßzeiten würde es zu erheblichen Unruhen im Markt kommen, und Kunden, die etwas im vorderen Ladenbereich (wie Zeitschriften) kaufen wollen, würden nicht verstehen, warum sie sich wieder rückwärts in den Markt begeben sollen.

Schade, wirklich sehr schade.

Eschede – ein Reisebericht (Teil 3)

Eine kurze Runde um den Gedenkstein.
Es läuft einem kalt den Rücken herunter, zu sehen, wie das Zugunglück ganze Familien buchstäblich ausgelöscht hat. Zur Erinnerung: Von knapp 300 Fahrgästen des ICE 884 “Wilhelm Conrad Röntgen” starben 99 (sowie zwei Gleisbauarbeiter der DB, daher die häufig genannte Zahl von 101 Toten).

Die Wege in der Gedenkstätte sind sehr verschlungen. Das soll ausdrücken, dass die Lebenswege der Opfer sehr unterschiedlich waren und sie durch Zufall hier zusammentrafen. Es gibt auch einen stufenlosen behindertengerechten Zugang per Rampe von hinten.

Auch heute fahren noch Züge an dieser Strecke regelmäßig vorbei. An der Lärmschutzwand befindet sich ein Gedenkschild. Den Text kann ich aber nicht lesen, da ich kein Fernglas bei mir habe.

Zum Teil 2 des Berichts hier klicken…

Und es geht wieder hoch.

Ich erwische mit der Kamera einen Metronom, der südwärts fährt. Etwas unsensibel frage ich eine Passantin, die mit ihrem Hund auf der Brücke spaziert, wann denn die ICEs vorbeifahren, ich möchte gerne ein Foto schießen. Deutlich vernehmbar berlinert sie – “wann war’n ditte, ick glob 15 und 35″. Das schaffe ich aber nicht mehr.

Also wieder zurück zum Bahnhof, diesmal mit einem kleinen Abstecher über die Innenstadt. Eine Kreuzung mit einem ehemaligen Schlecker. Ich komme an einem Eiscafé / Italiener mit Terrasse vorbei. Ein lauer Sommerabend, es ist gut besetzt. Ich werde angestarrt, da ich optisch nicht so recht reinpasse.

Die Bahnhofstraße geht es entlang. An einem schon geschlossenen Kiosk ein Poster, das eine Veranstaltung namens “Eschedeer Feierabend” bewirbt. Das Demonym lautete also ursprünglich “Eschedeer” und nicht “Escheder”. Gut zu wissen.

ICE in Eschede.
Der hier durch den Bahnhof Eschede fahrende ICE ist – wie am gewölbten Restaurantwagen zu erkennen – ein ICE 1, also des selben Typs wie der damals verunglückte ICE 884 “Wilhelm Conrad Röntgen”. Die Bahn hat nach dem Unfall Konsequenzen gezogen und die ICE-Radreifen durch Monoblocräder ersetzt, die allerdings schlechter federn. Als Fahrgast bemerkt man daher stärkere Vibrationen.

Die Durchfahrten sind hier sehr schnell, ich habe beinahe das Gefühl, weggeweht zu werden. Das kann ein erhebliches Unfallrisiko sein.

Mit dem Metronom geht es zurück nach Hannover zum Abendessen und anschließend wieder – mit dem ICE – nach Berlin.